Friendly Visiting

Nachdem die letzten Wochen etwas ruhiger waren im Bezug auf meine Arbeit bei DOROT, möchte ich heute mein Versprechen aus meinem letzten Foto Set eingehen und wieder etwas über meine Arbeit schreiben, genau gesagt wieder das Friendly Visting, denn das hat es echt in sich.

Ich hatte euch ja schon vor vier Wochen von meinem ersten Besuch mit Sylvia berichtet und seitdem habe ich sie fast jeden Mittwoch wieder gesehen. Nachdem wir uns bei unserem ersten Treffen vor allem über die Vergangenheit von uns beiden unterhalten haben. Sind wir mittlerweile jede Woche eher bei intellektuellen Gesprächen angekommen. Da geht es bei uns beiden schon mal darum warum für den Menschen im Alter die Zeit immer schneller vergeht, als wenn er jung ist oder warum die Menschlichen Systeme immer so gebaut sind vom Menschen, das er sie selbst nach wenigen Jahrzehnten wieder zerstört.

Es ist erstaunlich wie fit Sylvia immer noch in ihrem Geiste ist dafür macht ihr allerdings ihr Körper zu schaffen, auch wenn sie für mich einen fitten Eindruck macht, schließlich habe ich schon wesentlich schlimmeres im Zivildienst gesehen, aber sie hat jede Woche mehrere Termine bei Doktoren und wenn sie sich mal am Tag vor unserem Treffen nicht so fühlt dann kann es auch schon mal ausfallen. Das schönste Erlebnis mit Sylvia war allerdings, als sie mich an einem Donnerstagabend angerufen hat als ich gerade am Busbahnhof in Manhatten stand und auf einen Freiwilligen aus Pittsburgh wartete. Sie hat mich am Telefon eingeladen mit ihr am Sonntag in einer Theaterstück zu gehen, dass in ihrem alten College wo sie selber früher zur Schule gegangen ist, aufgeführt wurde. Natürlich habe ich dann meine Karte selbst bezahlt, es waren ja nur 5$ Eintritt, da es nur ein Collegetheater ist, aber das sie an mich gedacht hat als sie die Werbung von ihrem College für das Stück bekam, war dann doch schon ein großes Kompliment für mich und außerdem war das Stück auch noch sehr interessant.

Desweiteren Besuche ich noch Felix ein Holocaust Überlebender, der auf der Upper West Side lebt wo auch DOROT ist und dieses Jahr schon seinen 94. Geburtstag gefeiert hat. Mit ihm hatte ich bis jetzt nur ein Treffen, aber seine Geschichte ist mehr als interessant.

Er kommt ursprünglich aus Polen und musste von dort flüchten als der Krieg begann. Da im Westen die Deutschen waren verschlug es ihn dann nach Russland, wo er später seine Frau kennen lernte und seine Karriere als Tänzer begann. Eigentlich wollte er Schauspieler werden, aber als er das in Russland zu den Leuten sagte, überzeugten die ihn davon, dass es zu viele Schauspieler gebe und er lieber ein guter Tänzer werden sollte, denn als Tänzer kann man immer eine Arbeit finden.

So wurde er also Tänzer und baute sich zusammen mit seiner Frau eine Tanzfirma auf mit der er später Kindern das tanzen lehrte und ihnen eine Hoffnung und Zukunft gab. Als er nach dem Krieg selbst wieder nach Polen zurück kehrte, war dort niemand mehr von seiner Familie und die Menschen sagten zu ihm nur das er lieber nicht dort bleiben sollte. So bereiste er mit seiner Frau zusammen, als Tänzer die ganze Welt, lernte unzählig viele exotische und lokale Tänze kennen und blieb dann am Ende in den USA hängen, als er hier zusammen mit seiner Frau in jüdischen Gemeinden jüdische Tänze lernte.

Das besondere an Felix ist, das er für sich selbst schon komplett mit seinem Leben abgeschlossen hat und so wie er es selber sagt nur noch darauf wartet von oben abgeholt zu werden. In der Zwischenzeit versucht er noch jungen Menschen wie mir etwas mit auf meinen Weg zu geben, indem er mir von seinem Leben erzählt und was für ihn das Leben ausmacht. Felix ist für mich ein sehr bewundernswerter Mensch, denn es ist erstaunlich wie klar er mit seinem Leben abgeschlossen hat und auch zufrieden ist. Auf jede Nachfrage ob er gerne etwas geändert hätte oder noch etwas gemacht hatte ist seine simple, aber doch tiefgründige Antwort nur: “Das war das Schicksal meines Leben.”

Als letztes möchte ich euch noch von meinen Treffen mit Betty und Fred berichten. einem Ehepaar, das wie Sylvia auch auf der East Side lebt und für mich ein Friendly Visiting ist, wie ich es mir vorher, als ich noch in Deutschland war am Ehesten vorgestellt habe.

Denn Fred der Ehemann von Betty hatte leider schon einen Schlaganfall und kann seitdem weder sprechen noch laufen, er hat eine eigene Pflegeschwester für sich und sitzt die meiste Zeit des Tages im Rollstuhl. Betty hingegen ist noch ziemlich fit, wenn auch schon etwas schwach und manchmal ein wenig müder, aber man kann sich noch super gut mit ihr unterhalten. Dieses Umfeld mit Fred und Betty war für mich das, was ich mir vor dem Beginn meines Friedensdienstes am Ehesten von meinen Besuchen mit den Überlebenden gedacht hatte, die Senioren schon wesentlich schwächer und auch mit mehr Gesundheitlichen Problemen. Dazu dann außerdem noch eine für meine Ohren schon fast unglaubliche Geschichte, denn Betty hat den Krieg wirklich von der schlimmsten Seite erlebt.

Ursprünglich kommt sie aus Ungarn und hatte deshalb, als der Krieg damals begann, auch nicht die große Sorge mit ihrer Familie zusammen zu flüchten, denn der Krieg war ja weit weg, aber er sollte dann schneller kommen als sie denken mochten.

Zusammen mit ihrer Mutter und ihren beiden kleineren Brüdern wurde sie nach Ausschwitz gebracht, dort angekommen wurde ihre Mutter mit den beiden kleineren Brüdern sofort vergast, was sie die erste Zeit selbst nicht glauben wollte, bis ihr es jemand sagte, dass sie ins Gas geschickt wurden. Ihr Vater hatte da mehr Glück, er wurde nach Deutschland in eine Arbeiterfabrik geschickt und konnte dort den Krieg durch die für damalige Verhältnisse guten Bedingungen überleben. Betty selbst verbrachte dann fast die gesamte Zeit in Ausschwitz den Krieg über wo sie zusammen mit einer Frau die sie ihre Tante nannte lebte. Kurz vor dem Ende des Krieges wurde dann ihre Tante auf einen Todesmarsch Richtung Bergen-Belsen geschickt und Betty mit dem Zug dorthin transportiert. Dort wurde sie dann auch Schluss endlich befreit und sogar ihre Tante hat den Todesmarsch überlebt, denn der Todesmarsch wurde von den Alliierten sogar früher als sie selbst befreit.

Sie lebte dann nach dem Krieg für sechs Jahre in Schweden ehe sie zu ihren Onkel und Tanten in die USA ging und das obwohl sie eigentlich lieber wieder nach Hause in Ungarn wollte, wo ihr Vater nach dem Krieg weiter lebte bis er vor wenigen Jahren dort starb.

Das sollen sie erst einmal für heute sein drei kleine Einblicke in meine Friendly Visitings und ich denke wie ihr jetzt wisst sind es ziemlich starke Treffen für mich, die mich meistens auch noch nach dem Treffen länger begleiten. Sei es weil man über etwas geredet hat das einen selbst zum Nachdenken bringt, wie mit Sylvia. Man nach dem Treffen denkt, wie Felix nur an seinem Lebensabend zu so einer ausgeglichenen Lebenshaltung gekommen ist oder man über die schreckliche Nazierfahrung von Betty nachdenkt und sich fragt, wie konnte sie nach so etwas noch weiter Leben wollen?

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